der Sturm kam über Nacht und hat die Erde aufgescheucht noch im dunkeln bin ich aufgewacht hatte wild von dir geträumt
ich hab bis zuletzt gehofft dass die Wolken weiterziehen doch stattdessen sind die Vögel fort und auch du bist nicht geblieben
ich werd mich wieder mal an den Herbst gewöhnen mit dem regen werd ich mich versöhnen ich werd die Kälte wieder schätzen lernen mich an den nächsten Tag erwärmen ich werd mich wieder an den Herbst gewöhnen
Der Neffe des ehemaligen israelischen Außenministers Moshe Dayan ist seit fast 20 Jahren ein Superstar am Pophimmel Israels: Aviv Geffen. Er wurde spätestens international bekannt am 4. November 1995, als er auf der berühmten Friedensdemonstration in Tel Aviv auftrat, die mit dem Tod Jitzchak Rabins endete.
Geffen stand nicht nur fast direkt neben dem damaligen Ministerpräsident, sondern litt noch einen zusätzlichen Schock, als sich später heraus stellte, daß sich der Attentäter als Mitglied von Geffens Band ausgegeben hatte, um so nah an Rabin heran zu kommen.
Der damals erst 22-Jährige, war schon längst ein Held der Friedensbewegung, er kümmerte sich nicht um Gendercorrectness und verweigerte sogar den Dienst in der Armee
Wir sollten Schminke tragen, statt Uniformen, findet Geffen.
Jeder junge Israeli kennt seine berühmten Protestlieder.
Nach Rabins Tod setzte sich die schillernste Figur des Nahen Ostens nur noch kompromissloser für den Friedensprozess ein*
Seit Rabin ermordet wurde, ist etwas Schlimmes mit Israel passiert. Dieser Typ, Jigal Amir, hat nicht nur Rabin umgebracht, er hat einen ganzen Traum zerstört. In diesem Moment hat sich die ganze Geschichte gedreht.
Dabei hält er gar nichts von lieben unpolitischen Händchenhalten mit den palästinensischen Brüdern:
Ehrlich gesagt, ich kann dieses ganze Salam-Schalom-Zeug nicht mehr hören. Wenn du mutig bist, dann sing nicht bloß über Frieden, schreib einen Song über die Besetzung! Alles andere ist unverbindlicher Kitsch.
Er geht massiv die Kriegstreiber in den eigenen Reihen an:
Wir haben eine Minderheit von ungefähr einem Drittel Verrückten, die leider dem Rest der Gesellschaft ihren Willen aufzwingt.
Bei den jüdischen Siedlern, kennt Aviv Geffen kein Pardon:
Schau, wir besetzen diese Gebiete und besiedeln sie, weil in irgendwelchen heiligen Büchern geschrieben steht, dass dieses Land den Juden gehört? Ich habe einmal diese Siedlungen besucht. Das sind alles Verrückte, ein Haufen Verbrecher.
Seine bisherigen CDs erschienen alle in hebräischer Sprache, die es natürlich dem internationalen Publikum etwas schwer macht, den Inhalten zu folgen.
Dieses Jahr ging der inzwischen in London Lebende einen Schritt weiter und nahm sein erstes englisches Album („Aviv Geffen“) auf.
Den mehr als eindeutigen Texten blieb er in einigen ins Englische übersetzen Songs treu. In Heroes fordert er die Mütter der Welt auf, ihre Söhne nicht in den Krieg zu schicken.
They’re calling them heroes / After they die // While the general in his fancy office / You’re just a number in his map / Can you be heroes / And be alive? / Don’t send your boy / when your country calls you.
Auch Cloudy Now, 1993 geschrieben und bisher sein größter Hit gilt, ist auf dem Album zu hören.
We are a fucked up generation / It's cloudy now / We gotta get out of here / It's cloudy now.
Das neue Album beschränkt sich allerdings in keiner Weise. Produzenten sind unter anderem Trevor Horn (Simple Minds, Paul McCartney) und Ken Nelson (Coldplay). Geffen verfügt über den ganzen Bombast der Popgeschichte und klingt hier und da wie eine an der Front gestählte Version von Rufus Wainwright, wenn er durch alle Genres hoppt.
Zur Zeit ist Geffen auf Deutschland-Tour.
Hamburg, Germany Gruenspan 4 November 09 · Köln, Germany Luxor 5 November 09 · Berlin, Germany Lido 6 November 09 · Munchen, Germany, 59:1, 9 November 09 · Dresden, Germany, Beatpol, 10 November 09
Das 15-Minuten-Epos, „How We Left Fordlandia” von Jóhann Jóhannsson dürfte wohl das schönste Musikstück sein, das ich seit „A Choral Room“ und „Sunset“ (K.B. 2005) gehört habe.
Jóhann Jóhannsson also mal wieder.
Der Mensch ist einfach großartig.
Isländer natürlich.
Auch wenn ich 1000 Schubladen durchgucke, finde ich wohl keine, in die er hineinpasst.
Sein Plattenlabel nennt es „Ambient“, in Rezensionen fallen üblicherweise die Begriffe „Sound-Tüftler“, „Klassik“ und „Elektro-Experimentierer“, die miteinander verknüpft werden.
Die Elektro-Keule würde ich allerdings etwas außen vor lassen - immerhin wurde dieses aktuelle Album, „Fordlandia“, wie schon der thematische Vorgänger IBM 1401, A User’s Manual vom City Of Prague Philharmonic Orchestra And Chorus unter Leitung von Miriam Nemcova in Prag aufgenommen
– einer Truppe, die sich exklusiv für Schallplattenaufnahmen aus der Crème der besten Musiker verschiedener Tschechischer Orchester rekrutiert und der man ihre 20-jährige Tonstudioerfahrung anhört. (Victoriah Szirmai)
Wer also unbedingt eine Schublade braucht, kann eigentlich ruhig das Etikett “Klassik” aufkleben - wenn auch der ein oder andere fremde Ton dazwischen sein mag.
Jóhannsson benamst sein opulent-fragiles Meisterwerk erneut nach einer sich im Abstieg befindlichen amerikanischen Technik-Ikone.
Fordlandia ist dabei ein zu mannigfachen Konnotationen einladendes Wort:
In den 1920er Jahren hatte der Auto-Konzern Ford ein 10.000 km² großes Stück Regenwald in Brasilien gekauft.
Das ist in etwa viermal Luxemburg oder einmal das Kosovo.
Ohne die geringste Kenntnis von der dortigen Landwirtschaft, wollten die Ford-Großindustriellen dort eine gigantische Gummiplantage, inklusive einer Stadt nach amerikanischem Vorbild errichten. 8000 einheimische Arbeiter hatten ab sofort nach dem Ideal-Vorbild des amerikanischen Vorstadtbürgers zu funktionieren: Fastfood und american way of life.
Der erste Massenaufstand wurde noch vom brasilianischen Militär niedergeknüppelt, aber das Projekt wurde ein derartiges Desaster, daß sich Ford schließlich zurück zog.
Nämlich zu dem Zeitpunkt, als Naturkautschuk nicht mehr für die Reifenproduktion gebraucht wurde, da petrolchemische Alternativen entwickelt worden waren.
Während Fordlandia also seit 1945 kontinuierlich verkommt und verrottet und lediglich von ein paar Hundert Menschen bevölkert wird, schickt sich im Dezember 2008 der einst Gott-große Gründer in Michigan an, es seinem Dschungel-Humunculus gleich zu tun und bettelt in Washington um Almosen.
Der Isländer lockt uns in die ganz große Assoziations-Welt.
Was fasziniert ihn an diesen Titeln, wie inspiriert ihn das zu dieser so melodiösen tieftraurig-betörendschönen Fabelmusik?
Das Jóhannsson-Booklet versteckt unter der CD eine im Sumpf steckende Tin-Lizzy; offensichtlich aufgegeben im Dschungel - Ankor Wat läßt grüßen.
(Ja, verdammt! Man muß die CD schon kaufen und soll nicht immer in mieser Tonqualität billigheimernd downloaden)
Einen weiteren Hinweis finden wir in einigen Zeilen der viktorianischen Dichterin Elizabeth Barrett Browning (1806-1861), deren sozialphobisches, hypersensibles Wesen idealtypisch zu den epischen Klangdramen Fordlandias passt.
Bis zur Abschaffung der Sklaverei hatte sie auf einer Plantage auf Jamaica gelebt und den von Weißen malträtierten Dschungel selbst erlebt:
"And that dismal cry rose slowly and sank slowly through the air full of spirits melancholy and eternity's despair and they heard the words it said; Pan is dead - Great Pan is dead."
Sakral, distanziert, dennoch warm und empathisch wirken Jóhannssons Kompositionen.
Ich kann mich dem nicht entziehen - als ob am Ende doch die Kunst über die Technik obsiegte.
Kritiker überschlagen sich mit Lob und finden wohlige Wort-Wolken: Jóhann Jóhannsson's spellbinding new album draws these tantalising threads together, weaving a musical tapestry of hypnotic richness and surprising emotional depth.
Na ja, klingt gut, sagt aber nicht viel aus, finde ich.
Muß man anhören - am besten LAUT und aufmerksam.
Ist kein U-Musik-Klangteppich für nebenbei.
Wer doch frevelhafterweise mal am PC rein hören will, kann eine auf 7.40 Minuten gekürzte Version des Titelsongs Fordlandia auf JJs Myspace-Seite anhören.
Nachtrag 17.03.2013: Es gibt inzwischen ein YouTube-Video:
Aus "IBM 1401, A User’s Manual" von 2006 gibt es ein Video:
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